Internationale Pflegekräfte
Internationale Fachkräfte

Wie sich die Gesundheitsreform auf die Erwerbsmigration auswirken könnte

Katharina Weckend | 29.10.2026

Der Fachkräftemangel in der Pflege verschärft sich durch den demografischen Wandel zunehmend. Gleichzeitig halten sich viele Kliniken bei Neueinstellungen zurück oder sprechen sogar Kündigungen aus. Der Grund: Die anstehenden gesundheitspolitischen Reformen sorgen für Unsicherheit bei der künftigen Finanzierung der Personalkosten - zusätzlich zu der schon lange laufenden Krankenhausreform und Ambulantisierungen. Betroffen davon könnte auch die internationale Rekrutierung von Pflegefachkräften sein.

 

Die Ursache für die Zurückhaltung liegt unter anderem in den strukturellen Veränderungen, die das neue GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz für die kommenden Jahre vorsieht. Das im Juli 2026 verabschiedete Reformpaket stellt Krankenhäuser vor weitreichende strategische Entscheidungen und Budgetprobleme: Die Begrenzung des zukünftigen Pflegebudgetwachstums erfordert eine Anpassung der Personalplanung, obwohl der tatsächliche Bedarf an Pflegekräften vielerorts weiterhin hoch ist. Doch welche Folgen hat diese Entwicklung für die internationale Pflegekräfterekrutierung? Und was bedeutet sie für Deutschland als Zielland der Erwerbsmigration?

 

Darüber haben wir mit Petra Lütkewitte, Geschäftsführerin von Careloop KLETT und MEDWING International gesprochen.

Petra Lütkewitte, Managing Director of Careloop KLETT
„Wenn in 2027 nur sehr zurückhaltend rekrutiert wird, dauert es danach die Prozesse wieder zu starten und es wird zunächst deutlich weniger Einreisen und Starts in 2028 und Anerkennung dann in 2028/29 bringen.“
Petra Lütkewitte, Geschäftsführerin von Careloop KLETT und MEDWING International

Weniger Personal trotz Pflegenotstand

Der demografische Wandel stellt das deutsche Gesundheitswesen vor eine doppelte Herausforderung: Einerseits verlassen immer mehr Beschäftigte altersbedingt den Arbeitsmarkt, andererseits steigt mit der alternden Bevölkerung der Bedarf an Pflege und medizinischer Versorgung. Dennoch reagieren viele Kliniken derzeit zurückhaltend bei Neueinstellungen.

 

„Wir beobachten schon in diesem Jahr Zurückhaltungen bei der Rekrutierung aufgrund der laufenden Krankenhausreform. Die aktuellen Reformpakete mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz und dem geplanten Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) haben die Situation durchaus verschärft und viele Krankenhäuser planen deutliche Reduzierungen in der Rekrutierung in 2027. Wie schnell sich das wieder dreht, weil die Bedarfe einfach nicht gedeckt werden, die trotz Budgetkürzungen da sind, wird sich zeigen. Manche Experten gehen von einer Ausbremsung der Erwerbsmigration nur für das kommende Jahr aus - andere sehen anhaltende Budgetlimitationen in den nächsten 2-3 Jahren. In jedem Fall herrscht sehr viel Unsicherheit“, erklärt Petra Lütkewitte.

 

Die Folge könnte sein, dass Krankenhäuser ihre Personalplanung kurzfristig an finanziellen Rahmenbedingungen ausrichten, während der langfristige Bedarf an Pflegefachkräften bestehen bleibt. Zwischen wirtschaftlichem Druck und personellen Engpässen entsteht damit ein Spannungsfeld, das auch die internationale Rekrutierung beeinflussen dürfte.

Welche Folgen hat die Reform für die Erwerbsmigration?

Bedeutet eine zurückhaltende Personalpolitik auch, dass Deutschland langfristig weniger internationale Pflegekräfte benötigt?

 

Petra Lütkewitte unterscheidet zwischen dem grundsätzlichen Personalbedarf und den Veränderungen innerhalb des Gesundheitssystems: „Ich denke, dass sich der grundsätzliche und langfristige Bedarf im Krankenhaus durch die Krankenhausreformen und die Ambulantisierung zwar reduziert, wir aber auch in diesem Bereich weiterhin nicht ohne internationale Rekrutierung auskommen werden.“

 

Außerdem könnten sich durch die Verlagerung bestimmter Leistungen aus dem stationären in den ambulanten Bereich die Personalbedarfe in einzelnen Teilen des Gesundheitswesens verändern. Gleichzeitig bleibt der demografische Wandel ein zentraler Faktor: Viele Pflegekräfte erreichen das Rentenalter, während der Pflegebedarf einer älter werdenden Gesellschaft steigt.  “Der Babyboomer-Effekt lässt sich nicht durch die Absolventen Ausbildung decken und wir rechnen mittelfristig mit einem stabilen Bedarf von 20-30.000 Fachkräften aus dem Ausland pro Jahr und auch die Ausbildungsplätze werden schon zu einem großen Teil von Azubis aus dem Ausland oder mit einem ausländischen Pass besetzt” teilt Petra Lütkewitte aus den strategischen Beobachtungen und Analysen der KLETT Gruppe.

 

Entscheidend wird deshalb sein, wie sich die Nachfrage nach Pflegepersonal zwischen Krankenhäusern, ambulanten Diensten und weiteren Versorgungsbereichen entwickelt. Ein veränderter Personalbedarf in einzelnen Kliniken bedeutet nicht automatisch, dass Deutschland insgesamt weniger auf internationale Fachkräfte angewiesen sein wird.

Rekrutierungsstopps könnten den Fachkräftemangel verschärfen

Eine wenn auch nur vorübergehende Reduzierung der internationalen Rekrutierung könnte aber langfristige Folgen haben. Denn zwischen der Anwerbung einer Pflegefachkraft im Ausland und ihrem tatsächlichen Einsatz in Deutschland liegen häufig Monate oder sogar Jahre. Dazu gehören unter anderem der Spracherwerb, das Visumverfahren, die Einreise und die berufliche Anerkennung.

 

Werden Rekrutierungsprozesse 2027 deutlich zurückgefahren, könnte sich das deshalb zeitversetzt auf die Personalversorgung auswirken. Weniger Neueinstellungen würden dann nicht nur kurzfristig die Zahl der Einreisen reduzieren, sondern könnten auch dazu führen, dass in den darauffolgenden Jahren weniger internationale Pflegefachkräfte ihre Tätigkeit in Deutschland aufnehmen oder sich überhaupt in den vorgelagerten Prozessen im Ausland auf eine Vermittlung nach Deutschland vorbereiten.

 

Petra Lütkewitte warnt vor genau diesem Effekt: „Wenn in 2027 nur sehr zurückhaltend rekrutiert wird, dauert es danach die Prozesse wieder zu starten und es wird zunächst deutlich weniger Einreisen und Starts in 2028 und Anerkennung dann in 2028/29 bringen.“

 

Zusätzliche Belastungen und Kapazitätsengpässe  können entstehen, wenn Pflegekräfte künftig Aufgaben übernehmen müssen, die bislang von unterstützenden Diensten erledigt wurden. Dadurch könnte sich ihre Arbeitsbelastung weiter erhöhen. „Hier riskiert die Politik auch, dass weiter Pflegekräfte den Pflegeberuf verlassen und die Lücke noch größer wird“, so Petra Lütkewitte.

 

Damit besteht das Risiko, dass kurzfristige Einsparungen langfristig neue personelle Engpässe nach sich ziehen. Gerade weil internationale Rekrutierung und Anerkennung Zeit benötigen, lassen sich ausgefallene Rekrutierungsjahrgänge nicht ohne Weiteres kurzfristig ersetzen.

Wie sicher sind bereits eingewanderte Pflegekräfte?

Neben der Frage nach künftigen Rekrutierungen stellt sich auch die Frage, welche Auswirkungen die Reform auf internationale Pflegefachkräfte hat, die bereits nach Deutschland gekommen sind oder sich auf ihre Einreise vorbereiten.

 

Für bereits beschäftigte Fachkräfte sieht Petra Lütkewitte zunächst keine unmittelbaren Konsequenzen, solange die Anerkennungsverfahren fortgeführt und abgeschlossen werden und keine betriebsbedingten Kündigungen erfolgen. Ein besonderes Risiko bestehe allerdings für internationale Fachkräfte in der Probezeit, deren berufliche Anerkennung noch nicht abgeschlossen ist.

 

„Ein Risiko haben natürlich noch die Fachkräfte in der Probezeit, die insbesondere vulnerabel bei einer Kündigung wären, weil sie die Anerkennung noch nicht abgeschlossen haben und der Aufenthaltstitel an den Arbeitgeber geknüpft ist“, erklärt sie.

 

Doch nicht nur bereits beschäftigte internationale Pflegekräfte könnten von den finanziellen Unsicherheiten betroffen sein. Besonders problematisch sind Fälle, in denen Krankenhäuser bereits rekrutierte Fachkräfte trotz bestehender Arbeitsverträge nicht mehr einreisen lassen möchten oder können und den Arbeitsvertrag noch vor Einreise aufheben.

 

„Ein Phänomen, was aber einfach unfair ist und so nicht passieren dürfte: Wir haben von einigen Häusern gehört, die schon rekrutierte Fachkräfte nicht mehr ‚einreisen‘ lassen, weil sie Budget Engpässe sehen. Bei allem Verständnis für wirtschaftliche Schwierigkeiten kann und darf dies aber nicht zu Lasten der Pflegekräfte gehen, die sich mit einem deutschen Arbeitsvertrag seit Monaten bis Jahren auf die Einreise vorbereiten”, betont Petra Lütkewitte.

 

Für die betroffenen Fachkräfte kann dies bedeuten, dass sie trotz monatelanger oder sogar jahrelanger Vorbereitung zunächst ohne die erwartete berufliche Perspektive dastehen. Eine Vermittlung an neue Arbeitgeber ist kurzfristig mit dem Blick auf den Markt dann nämlich auch häufig nicht direkt möglich, weil es kaum offene und dann auch nicht passende Stellenangebote gibt.  

 

Petra Lütkewitte hofft, dass Arbeitgebende vor solchen Schritten zumindest im großen Stil zurückschrecken. Eine Rücksprache dazu ist im Rahmen der Gütegemeinschaft Anwerbung und Vermittlung von Pflegekräften aus dem Ausland e. V. (GAPA) und ggfs. auch mit dem BMG geplant, falls sich solche Fälle nun häufen.  

 

Wie sich die finanzielle Unsicherheit tatsächlich auf bereits eingewanderte und angehende Pflegefachkräfte auswirkt, wird maßgeblich davon abhängen, wie die Krankenhäuser ihre Personalplanung an die neuen Rahmenbedingungen anpassen.

Deutschland riskiert als Einwanderungsland an Attraktivität zu verlieren

Die Auswirkungen einer zurückhaltenden Rekrutierungspolitik könnten über einzelne Krankenhäuser hinausreichen. Deutschland steht bei der Anwerbung internationaler Pflegefachkräfte im Wettbewerb mit anderen Zielländern. Neben den politischen Rahmenbedingungen der Migrationspolitik spielt dabei auch die Frage eine Rolle, wie verlässlich berufliche Perspektiven und Einreiseverfahren sind.

 

Wenn Kliniken angekündigte Einstellungen zurücknehmen oder die Einreise bereits ausgewählter Fachkräfte verschieben, könnte dies das Vertrauen potenzieller Bewerber:innen beeinträchtigen. Zugleich könnten sich Herkunftsländer und lokale Vermittlungsagenturen künftig stärker auf andere Zielländer konzentrieren.

 

Petra Lütkewitte sieht darin bereits eine konkrete Herausforderung: „Die plötzliche Reduktion der Anwerbezahlen wird in den Herkunftsländern viele Folgen haben. Viele Dienstleister:innen und lokale sowie deutsche Agenturen haben jetzt Sprachkurse und Programme gestartet, von denen die aktuellen Kohorten gar keinen Arbeitsplatz mehr finden werden und sich grundsätzlich Bewerber:innen und Herkunftsländer wieder in andere Zielländer orientieren müssen.“

 

Für die betroffenen Recruiter:innen bedeutet eine solche Entwicklung, dass sie unter Umständen Zeit und Geld in Sprachkurse und die Vorbereitung auf eine Beschäftigung in Deutschland investieren, ohne die ursprünglich erwartete berufliche Perspektive verwirklichen zu können. Das wird viele insbesondere kleinere Agenturen vor starke wirtschaftliche Herausforderungen stellen, was wiederum auch das wirtschaftliche Risiko für die Arbeitgeber, z.B. bei zukünftigen Regressansprüchen, erhöht. Für Deutschland wiederum könnte es schwieriger werden, bereits aufgebaute Rekrutierungsstrukturen langfristig zu erhalten.

Zwischen Kostendruck und langfristigem Personalbedarf

Wie stark sich die Gesundheitsreform tatsächlich auf die internationale Pflegekräfterekrutierung auswirken wird, hängt von der weiteren Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben und den Reaktionen der Krankenhäuser ab. Kurzfristige Zurückhaltung bei Neueinstellungen muss nicht zwangsläufig einen dauerhaft sinkenden Bedarf bedeuten. Sie könnte jedoch dazu führen, dass Rekrutierungsprozesse unterbrochen, Einreisen verschoben und dringend benötigte Fachkräfte erst mit erheblicher Verzögerung verfügbar werden.

 

Gleichzeitig verändern die demografische Entwicklung und die Neuordnung der Gesundheitsversorgung den Bedarf an Pflegepersonal. Internationale Rekrutierung dürfte deshalb auch künftig eine wichtige Rolle spielen – möglicherweise jedoch mit veränderten Schwerpunkten zwischen den Versorgungsbereichen.

 

Für Deutschland steht damit nicht nur die Finanzierung des Gesundheitswesens auf dem Prüfstand, sondern auch die Verlässlichkeit seiner Anwerbestrukturen. Denn internationale Fachkräfte zu gewinnen, erfordert langfristige Planung, stabile Rahmenbedingungen und Vertrauen auf beiden Seiten. Werden bereits begonnene Rekrutierungsprozesse kurzfristig infrage gestellt, könnten die Folgen weit über einzelne Krankenhäuser hinausreichen.

 

Die zentrale Herausforderung wird daher sein, finanzielle Stabilisierung und eine verlässliche Personalplanung miteinander zu verbinden. Andernfalls droht eine paradoxe Entwicklung: Während der Bedarf an Pflege und medizinischer Versorgung weiter steigt, könnten ausgerechnet die Unsicherheiten bei der Finanzierung dazu führen, dass dringend benötigte Fachkräfte später oder gar nicht in Deutschland ankommen.

Über die Autorin

Katharina Weckend, Content & SEO Managerin

Katharina arbeitet seit diesem Jahr bei lingoking als Content und SEO Managerin. Sie ist verantwortlich für die Content- und SEO-Strategie und schreibt Texte für die Website, den Ratgeber und andere Medien von lingoking. "Ich freue mich, in unserem Rategeber Wissen weiterzugeben und so zu helfen, Sprachbarrieren weiter einzureißen."

Porträt von Katharina, Content Managerin bei lingoking