Wie aus Unterschieden gemeinsame Arbeitskultur entsteht
Internationale Fachkräfte sind für viele Branchen in Deutschland essenziell. Gleichzeitig treffen im Arbeitsalltag unterschiedliche Erwartungen, Kommunikationsstile und auch Kulturen aufeinander. Das kann zu Herausforderungen führen, bietet aber auch die Chance, Arbeitsprozesse bewusster zu gestalten und voneinander zu lernen.
Im Interview spricht Sabine Schmid, Geschäftsführerin und Gründerin der EgyptPro GmbH, darüber, welche Erfahrungen sie selbst mit kulturellen Unterschieden im Arbeitsalltag gemacht hat. Sabine Schmid verfügt über langjährige Erfahrung bei der Anwerbung und Vermittlung von Fachkräften aus Ägypten und gründete vor zwei Jahren ihre eigene Personalvermittlung – die EgyptPro GmbH.
Anhand konkreter Beispiele zeigt sie, wie sich unterschiedliche Arbeits- und Lebensrealitäten begegnen – und wie durch Offenheit, klare Absprachen und gegenseitiges Verständnis tragfähige Lösungen im Team entstehen können.
"Vieles, was wir als „kulturell bedingt“ wahrnehmen, hat schlicht damit zu tun, neu zu sein: in einem neuen Land, einem neuen Unternehmen und einer neuen Sprache."
Sabine Schmid, Geschäftsführerin und Gründerin von EgyptPro
Interview mit Sabine Schmid, Geschäftsführerin und Gründerin von EgyptPro
Liebe Frau Schmid, Sie rekrutieren und vermitteln seit vielen Jahren internationale Fachkräfte aus Ägypten. Wie können kulturelle Unterschiede den Arbeitsalltag beeinflussen?
Sabine Schmid: Ich glaube, wir überschätzen kulturelle Unterschiede manchmal – und unterschätzen gleichzeitig, wie prägend die eigene Arbeitskultur ist. Was für langjährige Mitarbeitende selbstverständlich ist, muss für neue Kolleg:innen oft erst sichtbar gemacht werden. Vieles, was wir als „kulturell bedingt“ wahrnehmen, hat schlicht damit zu tun, neu zu sein: in einem neuen Land, einem neuen Unternehmen und einer neuen Sprache.
Viele internationale Fachkräfte beobachten zunächst, hören zu und orientieren sich. Das kann als Zurückhaltung oder fehlende Initiative verstanden werden – obwohl dahinter häufig Höflichkeit und der Wunsch stehen, alles richtig zu machen. Aus meiner Erfahrung bedeutet ein „Ja“ manchmal eher: „Ich habe verstanden“, und noch nicht: „Ich kann das machen.“ Sobald Sicherheit entsteht, bringen sich die meisten genauso selbstverständlich mit Fragen und eigenen Ideen ein wie ihre deutschen Kolleg:innen.
Ein Beispiel: In vielen deutschen Unternehmen gilt die Devise: „Wenn etwas unklar ist, frag gleich nach.“ Wer als internationale Fachkraft neu in Deutschland ist, möchte jedoch oft erst beobachten und niemandem zur Last fallen.
Ein anderes Beispiel: Viele Fachkräfte haben intensiv Deutsch gelernt und verfügen über gute Sprachkenntnisse. Im Arbeitsalltag treffen sie dann plötzlich auf Dialekte, Abkürzungen oder Redewendungen wie „Mach's gschwind“ oder „Das läuft über die AV“. Das hat weniger mit Kultur als mit Orientierung zu tun.
Natürlich gibt es auch Themen, denen man anders begegnen muss. Dazu gehören unterschiedliche Vorstellungen rund um Religion und Arbeitsalltag. In Deutschland haben betriebliche Abläufe grundsätzlich Vorrang, während beispielsweise das Freitagsgebet für viele Muslime eine besondere Bedeutung hat.
"Die Unterschiede sind oft kleiner als viele denken."
Sabine Schmid, Geschäftsführerin und Gründerin von EgyptPro
Welche Erfahrungen haben Sie mit kulturellen Unterschieden im Arbeitsalltag von internationalen Fachkräften gemacht?
Sabine Schmid: Ehrlich gesagt sind die Unterschiede oft kleiner als viele denken. Die meisten ägyptischen Fachkräfte kommen mit einer hohen Motivation nach Deutschland. Sie möchten arbeiten, ihren Beitrag leisten und zeigen, was sie können.
Kleinere Unterschiede gibt es aber dennoch, die zu Missverständnissen im Alltag führen können. In Ägypten werden beispielsweise viele Abläufe stärker vorgegeben. In Deutschland wird häufiger erwartet, dass Mitarbeitende selbst Prioritäten setzen und eigenständig organisieren. Hat man diese Erwartung einmal ausgesprochen, funktioniert die Zusammenarbeit meist sehr schnell und unkompliziert.
Ein weiterer Unterschied ergibt sich dadurch, dass das Wochenende in Ägypten auf Freitag und Samstag fällt. Das Freitagsgebet hat deshalb für viele Muslime aus Ägypten einen besonderen Stellenwert und tangiert in ihrem Heimatland kaum den Arbeitsalltag.
Wir hatten einmal einen jungen Ägypter, der als Landschaftsgärtner arbeitete und ganz selbstverständlich davon ausging, am Freitagmittag die nahegelegene Moschee zum Freitagsgebet besuchen zu können – nicht, um den gern zitierten „Teppich auszurollen“, sondern weil das Freitagsgebet in seinem bisherigen Alltag in Ägypten völlig normal war. Auf der anderen Seite sind Mittagspausen auf Baustellen oder im Garten- und Landschaftsbau oft pragmatisch, kurz und eng getaktet. Zuerst reagierte der Arbeitgeber mit Unverständnis. Erst das Gespräch über die jeweiligen Erwartungen hat eine Lösung gebracht: Wenn es der Arbeitsablauf zulässt, darf der junge Mann seine Mittagspause auf 60 Minuten ausdehnen und die Zeit später nacharbeiten. Ist das aus betrieblichen Gründen nicht möglich, kann er sich für etwa 15 Minuten an einen ruhigen Ort zurückziehen, um sein Gebet zu verrichten.
Für mich zeigt das: Die eigentliche Herausforderung ist nicht die Religion, sondern die unterschiedlichen Selbstverständlichkeiten beider Seiten – ohne diese zunächst auszusprechen. Erst im Gespräch ließ sich eine pragmatische Lösung finden, mit der beide gut leben konnten.
"Aus meiner Sicht geht es aber weniger darum, kulturelle Unterschiede „auszugleichen", sondern darum, eine gemeinsame Arbeitskultur zu entwickeln. Integration findet eben nicht nur am Arbeitsplatz statt, sondern auch im Treppenhaus, in der Nachbarschaft und beim Zusammenleben im Alltag."
Sabine Schmid, Geschäftsführerin und Gründerin von EgyptPro
Wie kann man diese kulturellen Unterschiede ausgleichen?
Sabine Schmid: Vor allem durch Empathie, Offenheit und gegenseitiges Lernen. Aus meiner Sicht geht es aber weniger darum, kulturelle Unterschiede „auszugleichen", sondern darum, eine gemeinsame Arbeitskultur zu entwickeln.
Wenn ich meine Erfahrung sprechen lasse, entstehen die meisten Herausforderungen internationaler Fachkräftegewinnung nicht durch die Herkunft eines Menschen, sondern durch unklare Prozesse, fehlende Kommunikation und nicht ausgesprochene Erwartungen, aber auch durch ein einseitiges Verständnis von Bring- und Holschuld. Genau dort lässt sich mit guter Begleitung am meisten bewirken.
Interessanterweise erleben wir die größeren Unterschiede oft nicht im Betrieb, sondern im Alltag: Die Klassiker – die Mülltrennung, Ruhezeiten, das gemeinsame Kochen mit intensiven Gewürzen oder der Wunsch, das Leben bei schönem Wetter nahezu ausnahmslos draußen und mit anderen Menschen zu verbringen. Auch hier gilt: Was für die eine Seite selbstverständlich ist, muss für die andere erst erklärt werden.
Integration findet eben nicht nur am Arbeitsplatz statt, sondern auch im Treppenhaus, in der Nachbarschaft und beim Zusammenleben im Alltag.
Über EgyptPro
Die EgyptPro GmbH ist spezialisiert auf die Anwerbung und Vermittlung von Fachkräften aus Ägypten. Besonders wichtig ist dem Unternehmen dabei, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und mit viel Empathie und Verständnis gearbeitet wird. „Bei uns stehen Menschen im Mittelpunkt, nicht Algorithmen“, sagt Sabine Schmid, Geschäftsführerin und Gründerin. Deshalb begleitet EgyptPro Unternehmen und Fachkräfte im Rahmen eines persönlichen 360°-Ansatzes aus einer Hand – von der Auswahl bis zum erfolgreichen Ankommen in Deutschland und weit über die reine Vermittlung hinaus.
Über die Autorin
Katharina Weckend, Content & SEO Managerin
Katharina arbeitet seit diesem Jahr bei lingoking als Content und SEO Managerin. Sie ist verantwortlich für die Content- und SEO-Strategie und schreibt Texte für die Website, den Ratgeber und andere Medien von lingoking. "Ich freue mich, in unserem Rategeber Wissen weiterzugeben und so zu helfen, Sprachbarrieren weiter einzureißen."