Ausbildung und Berufsperspektiven im Zeitalter der KI
Die Übersetzungsbranche wurde in den letzten Jahren regelmäßig durchgerüttelt – dominierendes Thema: die Künstliche Intelligenz. So ist sicher bei den meisten der Eindruck entstanden, dass der Beruf von Übersetzer:innen keine Zukunft hat. Vieles übernehmen heute KI-Übersetzungstools wie DeepL, Google Translate und Co. Ist es also noch sinnvoll, den Übersetzungsberuf zu ergreifen?
Gerhard Klaus, Institutsleitung des Fremdspracheninstituts München (FIM), sagt ganz klar ja. Das Institut wurde 1945 gegründet. Seit 1979 werden dort Übersetzer:innen ausgebildet. Wer sich heute für eine Ausbildung zum bzw. zur Übersetzer:in entscheidet, hat heute sogar teils mehr Perspektiven als früher: “Neben der klassischen Übersetzung können Übersetzer:innen in der Lokalisierung, im Projektmanagement, in der Qualitätssicherung von Übersetzungen oder in der Entwicklung von Übersetzungstechnologien arbeiten” erklärt Gerhard Klaus.
Erfahren Sie im Interview mit der Institutsleitung Gerhard Klaus mehr über den Wandel und die Zukunft des Übersetzungsberufs und wie man am Fremdspracheninstitut auf die wachsende Rolle der KI reagiert hat.
Interview mit Gerhard Klaus, Institutsleitung des Fremdspracheninstituts München
“Übersetzer:innen werden zunehmend als Expert:innen für Qualitätssicherung und kulturelle Anpassung gefragt sein.”
Gerhard, Klaus Institutsleitung des Fremdspracheninstituts München (FIM)
Herr Klaus, angesichts der wachsenden Rolle der KI in der Übersetzungsbranche: Warum sollten sich junge Menschen auch heute noch für eine Ausbildung zur Übersetzerin bzw. zum Übersetzer entscheiden?
Gerhard Klaus: Die Rolle der Künstlichen Intelligenz verändert die Übersetzungsbranche, aber sie ersetzt nicht die Notwendigkeit qualifizierter Übersetzer:innen. KI kann zwar Texte sehr gut übersetzen, doch die menschliche Kreativität, kulturelle Sensibilität und das Verständnis für Nuancen sind unerlässlich. Übersetzer:innen bringen nicht nur sprachliche Fähigkeiten mit, sondern auch interkulturelles Wissen und die Fähigkeit, Texte zu interpretieren und anzupassen. Eine Ausbildung in diesem Bereich bietet eine solide Grundlage, um in einem sich wandelnden Umfeld erfolgreich zu sein. Für junge Menschen, die Fremdsprachen mögen, ist der Übersetzungsberuf weiterhin sehr attraktiv.
Wie haben Sie am FIM die Veränderungen in der Übersetzungsbranche in den letzten Jahren erlebt?
Gerhard Klaus: In den letzten Jahren haben wir einen signifikanten Anstieg an technologischen Entwicklungen und Tools in der Übersetzungsbranche beobachtet. Die Einführung von maschinellem Lernen und KI hat die Art und Weise, wie wir Übersetzungen durchführen, revolutioniert. Gleichzeitig haben wir jedoch auch einen verstärkten Bedarf an Spezialist:innen gesehen, die in der Lage sind, diese Technologien effizient zu nutzen. Wir haben unsere Lehrpläne angepasst, um diesen Veränderungen Rechnung zu tragen und sicherzustellen, dass unsere Studierenden bestens vorbereitet sind.
Wie geht man am FIM mit der zunehmenden Bedeutung von KI um? Ist dieses Thema bereits in den Lehrplan integriert?
Gerhard Klaus:Ja, wir haben Künstliche Intelligenz und maschinelles Übersetzen in unseren Lehrplan integriert. Unsere Studierenden lernen, wie sie Übersetzungstechnologien effektiv nutzen können, um ihre Arbeit zu optimieren. Das umfasst sowohl den Umgang mit Übersetzungssoftware als auch das Verständnis der Grenzen dieser Technologien. Wir führen auch Workshops und Seminare durch, um die neuesten Entwicklungen in der Branche zu diskutieren.
Welche Fähigkeiten und Qualifikationen sollten angehende Übersetzer:innen vor allem heute mitbringen?
Gerhard Klaus: Neben hervorragenden Sprachkenntnissen sind digitale Kompetenzen unerlässlich. Dazu gehört der Umgang mit Übersetzungstechnologien und Software, aber auch ein Verständnis für die neuesten Trends in der Branche. Interkulturelle Kommunikationsfähigkeiten, analytisches Denken und Kreativität sind ebenfalls wichtig, um qualitativ hochwertige Übersetzungsarbeit zu leisten. Teamarbeit und die Fähigkeit, sich ständig weiterzubilden, sind ebenfalls entscheidend.
Vor einigen Jahren waren technische Übersetzungen noch sehr gefragt. Heute werden diese hauptsächlich von der KI übernommen. In welchen Fachbereichen sehen Sie heute und in Zukunft die größten Chancen für Übersetzer:innen?
Gerhard Klaus:Wir sehen großes Potenzial in spezialisierten Fachbereichen wie Recht, Medizin und Marketing. In diesen Bereichen sind nicht nur präzise Sprachkenntnisse gefragt, sondern auch tiefgehendes Fachwissen. Auch die lokale Anpassung von Inhalten, insbesondere bei Marketing- und Werbetexten, erfordert menschliches Sprachgefühl und kulturelles Verständnis. Darüber hinaus gibt es Chancen in neuen Medien und im Bereich der Untertitelung.
Welche beruflichen Perspektiven sehen Sie für Übersetzer:innen in der Zukunft? Gibt es neben der klassischen Übersetzungsarbeit auch neue Berufsfelder, die sich durch technologische Entwicklungen öffnen?
Gerhard Klaus: Die beruflichen Perspektiven sind vielfältig. Neben der klassischen Übersetzung können Übersetzer:innen in der Lokalisierung, im Projektmanagement, in der Qualitätssicherung von Übersetzungen oder in der Entwicklung von Übersetzungstechnologien arbeiten. Zudem gibt es Möglichkeiten im Bereich Content Creation und in der Beratung für Unternehmen, die international tätig sind. Die Fähigkeit, Technologien zu verstehen und anzuwenden, wird zunehmend wichtig.
Was denken Sie, wie sieht die Zukunft der Übersetzungsbranche aus?
Gerhard Klaus: Die Zukunft der Übersetzungsbranche wird von einer engeren Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine geprägt sein. Übersetzer:innen werden zunehmend als Expert:innen für Qualitätssicherung und kulturelle Anpassung gefragt sein. Die Nachfrage nach mehrsprachigen Inhalten wird weiter steigen, insbesondere in einer globalisierten Welt. Gleichzeitig wird die kontinuierliche Weiterbildung und Anpassung an technologische Entwicklungen entscheidend sein, um in dieser dynamischen Branche erfolgreich zu bleiben.
Über die Autorin
Katharina Weckend, Content & SEO Managerin
Katharina arbeitet seit diesem Jahr bei lingoking als Content und SEO Managerin. Sie ist verantwortlich für die Content- und SEO-Strategie und schreibt Texte für die Website, den Ratgeber und andere Medien von lingoking. "Ich freue mich, in unserem Rategeber Wissen weiterzugeben und so zu helfen, Sprachbarrieren weiter einzureißen."